Film | Ein russischer Sommer (Kritik)

Handlung: Der erfolgreiche russische Schriftsteller Lew Tolstoi will seinen verdienten Lebensabend auf seinem Landgut in Jasnaja Poljana verbringen. Doch mit Ruhe und Entspannung hat das wenig zu tun. Der überzeugte Tolstoianer Wladimir Tschertkow versucht den alternden Mann zu überzeugen, sein Lebenswerk dem russischen Volk zu vermachen. Tolstois temperamentvolle Frau Sofia geht bei diesem Thema auf die Barrikaden, denn sie will nicht zulassen dass ihr Mann, für den sie in 48 Ehejahren alles gegeben hat, sie und die Kinder in seinem Testament völlig außer Acht lässt. In diesen erbitterten Kampf gerät der junge Dichter Walentin Bulgakow hinein. Wird er zunächst von Tschertkow beauftragt Tolstoi unter die Arme zu greifen und Sofia gleichzeitig im Auge zu behalten, sieht auch die bald einen Verbündeten in dem jungen, unbeholfenen Mann. So bemüht sich Bulgakow redlich allen Seiten gerecht zu werden, und gerät daneben in eigene Gefühlswirren. Im Lager der Tolstoianer lernt er die offenherzige Mascha kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Die Konflikte zwischen Tolstoi uns seiner Frau spitzen sich weiter zu als Tschertkow aus seinem verhängten Hausarrest entlassen wird und wieder auf das Landgut kommen kann. Während der extreme Tolstoianer und die zielstrebige Sofia um das Vermächtnis von Tolstoi kämpfen, fühlt sich der gefeierte Schriftsteller immer unwohler. Bis er eine Entscheidung trifft: Über Nacht verlässt er seine Frau und das Gut um seine letzten Jahre in Einsamkeit verleben zu können. Doch die willensstarke Sofia gibt nicht auf, wenn es um ihren geliebten Mann geht.

Kritik: Lew Nikolajewitsch Tolstoi war nicht nur Schriftsteller, sondern hatte auch eine Reihe von Anliegen um das gesellschaftliche Leben zu verbessern. So hatte er beispielsweise reformpädagogische Bestrebungen im Sinn, bei der die Erziehung an die kindlichen Persönlichkeiten angepasst werden soll. Er setzte sich darüber hinaus für ein Leben ohne private Besitztümer ein, war gegen das Rauchen, Alkohol, die Jagd und eine ausschweifende Sexualität. In Michael Hoffmanns Verfilmung des letzten Sommers von Tolstoi erlebt der Zuschauer diesen als einen stark gealterten aber nach wie vor populären Schriftsteller. Vielleicht liegt es an diesem Umstand, vielleicht auch an der biografischen Romanvorlage „Tolstois letztes Jahr“, aber Tolstoi selbst ist hier gar nicht der Repräsentant seiner Überzeugungen. Stattdessen werden Tolstoianer zum Sprachrohr, allen voran Tschertkow, der alles daran setzt die Werke für das russische Volk zu sichern. Der Schriftsteller selbst schaut hier eher auf sein Lebenswerk und seinen Einfluss auf andere Menschen zurück, anstatt es zu untermauern. Dadurch wird Tolstoi etwas zu blass gezeichnet und entwickelt sich eher zum manipulierbaren Spielball zwischen der emotionalen Ehefrau und dem herrischen Tschertkow. Vielleicht war das genau der Konflikt, der Tolstoi die letzten Jahre seines Leben umtrieb, aber beim Film bekommt man dennoch das Gefühl, dass ihm diese Darstellung nicht ganz gerecht wird. Darsteller Christopher Plummer überzeugt trotz dieses Mankos in dieser Rolle. Oskarpreisträgerin Helen Mirren sticht mit ihrer gefühlvollen Inszenierung der kämpferischen Ehefrau Sofia besonders aus dem Cast heraus.
Jungschauspieler James McAvoy gibt den unerfahrenen Walentin überzeugend, kann als oft unentschlossener und zwischen den Stühlen sitzender Bewunderer aber ebenfalls keine Glanzrolle spielen. Seine ersten Liebeserfahrungen stehen in einem gelungenen Kontrast zu der seit Jahrzehnten währenden Liebe zwischen Tolstoi und seiner Frau.

Tolstois zwischenmenschliche Beziehungen stehen in der Handlung klar im Vordergrund. Während er in Erinnerungen an sein Leben schwelgt, zeigt sich kaum eine Verbindung zu dem, was die erklärten Tolstoianer unweit entfernt Tag für Tag zelebrieren. Genau das führt auch zu einigen Fragezeichen: Würde Tolstoi falsch verstanden, hat sich seine Überzeugung von Gesellschaft, Leben und Religion zu stark verselbstständigt oder ist dem müden, alten Mann das Lebenswerk immer mehr aus den Händen geglitten? Tolstoi-Kenner wissen die Antwort vielleicht, aber bei einem nicht ganz so mit Vorwissen beseelten Zuschauer, führt diese Darstellung möglicherweise zu einigen Verwirrungen.
Abgesehen davon ist „Ein russischer Sommer“ ein Drama, das vor allem gegen Ende punkten kann. Die guten bis herausragenden Darsteller bringen emotionalen Genuss und der Sprung 100 Jahre in die Vergangenheit ist durchaus gelungen. Dennoch fragt man sich als Zuschauer was dieser Film genau vermitteln soll. Denn ein eindrucksvolles Bild des großen Literaten Tolstoi entsteht nicht. Geht es um die Bürde des Alters, um die Liebe, um das was übrig bleibt wenn das Lebenswerk fast vollendet ist oder den zu großen Erfolg eines Autors, der ihm beinahe zum Verhängnis wird? Es ist schwer entscheidbar, aber für Literaturkenner und Fans von biografischen Dramen wird dieser Film sicher ein paar interessante Einblicke geben.

Fazit: Ein bewegender Blick in die letzten Lebensmonate des weltberühmten Schriftstellers Tolstois mit überzeugender schauspielerischer Leistung. Dabei wirft der Film einen Blick auf diese Persönlichkeit, der nicht ganz unproblematisch ist. Als alter Mann, der sich vielfach beeinflusst sieht und seine eigenen Ideale kaum vertritt, bleibt er doch ein etwas blasser Charakter. Die Botschaft dieses Filmes steckt daher zu sehr im Verborgenen.

Ein russischer Sommer läuft seit dem 28. Januar in den deutschen Lichtspielhäusern.

3 Sterne

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