Film | 360 (Kritik + Trailer)

360 poster

Handlung: Michael Daly hat geschäftlich in Wien zu tun. Für den Abend bestellt er sich eine Frau vom Escortservice in ein Hotel. Doch kurz bevor es zum Aufeinandertreffen kommt, wird Michael abgehalten, da er Geschäftspartnern begegnet und sich nicht verraten will – immerhin ist er verheiratet und hat ein Kind. Diese Wendung hat im Folgenden Einfluss auf das Leben vieler anderer Menschen: Michaels Frau Rose beendet wegen seines liebevollen Anrufs ihre Affäre mit dem brasilianischen Fotografen Rui. Der hingegen verpasst durch sein letztes Techtel-Mechtel, wie seine Freundin ihn verlässt. Die lernt bei ihrer Rückreise in die Heimat neue Menschen kennen. Dabei ahnt sie nicht, in welche Gefahr sie sich begibt. Unterdessen wird ein wohlhabener Gangsterboss auf Mirka aufmerksam, die Prostituierte, mit der Michael ursprünglich schlafen wollte. Als sie sein Geld sieht, wittert sie die große Chance auf ein neues Leben im Luxus.

Kritik: Was wäre der Mensch nur ohne Liebe und Verlangen? Offensichtlich wenig, wenn man sich die neuste Regiearbeit von Fernando Meirelles ansieht. Denn da dreht sich alles um Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen. Nach Filmen wie „Der ewige Gärtner“ und „Die Stadt der Blinden“ widmet sich der Brasilianer einem ganz anderen Genre und bediente sich dazu bei Arthur Schnitzlers Drama „Reigen“. Das Bühnenstück löste bei seiner Uraufführung 1920 in Berlin einen handfesten Skandal aus, Grund war die starke erotische Komponente. Es gab sogar ein Aufführungsverbot. Ganz so hart geht es bei Meirelles Adaption nicht zur Sache, wenngleich Sex und Verlangen durchaus eine Rolle spielen. Der knapp 120 Minuten lange Episodenfilm ist ein Panorama-Blick auf viele unterschiedliche Aspekte der Liebe – von der Reinheit bishin zur Verdorbenheit. Dabei setzt der Regisseur auf eine Mischung zwischen frischen unbekannten Gesichtern und bewährten Hollywood-Stars. Diese Mixtur ist durchaus gelungen, vor allem wenn diese Beiden miteinander agieren, wie Anthony Hopkins und Maria Flor bei ihrer Begegnung im Flugzeug. Allerdings sind die Momente mit den Unbekannten fast erfrischender und spannender, als das gewohnt souveräne Spiel der Altbewährten.

Davon abgesehen führt „360“ ein Problem mit sich, dass vielen Episodenfimen anhaftet: Der bunte Rundumschlag erschwert es, in eine der Geschichten vollkommen einzutauchen. Manche Episoden berühren einen mehr, andere weniger. Das kann an der jeweiligen Handlung liegen, oder aber an den dort auftretenden Darstellern. Obwohl sich Meirelles sichtlich darum bemüht, alle Geschichtchen intensiv und berührend darzustellen – oft lässt er den Zuschauer dank der Kameraeinstellung ganz nah dabei sein – kommt das nicht immer beim Zuschauer an. Es bleibt in dem Trubel einfach zu wenig Zeit für die einzelnen Charaktere, die Handlung zieht so schnell an einem vorbei, dass sich Emphathie nur schwerlich entwickeln lässt. Eine Ausnahme bildet Altmeister Hopkins, der allerdings auch den Raum für einen auffallend langen Monolog erhält. Hier kann er voll und ganz als unglücklicher Mann glänzen, der das Verschwinden seiner Tochter auch nach vielen Jahren einfach nicht akzeptieren kann.

Insgesamt zeigt Meirelles in seinen Episoden vorwiegend die Schattenseiten der Liebe: Eingeschlafene Ehen, gescheiterte Beziehungen, Ohnmacht und Einsamkeit, ja sogar der krankhafte und kriminell gewordene Bezug zur Sexualität wird thematisiert. Dagegen erscheint die Episode um Sergej, Handlanger des Gangsterbosses und selbst festgefahren in einer unglücklichen Ehe, und Anna, die Schwester der Prostituierten Mirka, sehr erfrischend und unschuldig. Sind wir nach vielen Problemen und Sackgassen doch endlich auch mal Zeuge einer neuen und gerade entstehenden Liebe. Ob dieses zarte Pflänzchen eine Zukunft hat, sei dahingestellt, doch sie macht einmal mehr deutlich, dass jeder sein Leben selbst in der Hand hat. Jedes Ereignis – ob man seinen Flieger noch erwischt, mit einem Menschen ins Gespräch kommt oder den Gedanken an einen Seitensprung wieder verwirft – hat Folgen, für einen selbst und für andere. Diese Logik, die fernab von Schicksal und Bestimmung steht, sondern eher dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“ entspricht, transportiert Meirelles zwar, aber er meinte es damit vielleicht etwas zu gut. Seine Parabel vom Glück hat ein paar intensive Momente, doch wird durch die zu große Menge an Figuren und Geschichten nicht auf allzu ergreifende Art und Weise transportiert. Immerhin kann man sich das herauspicken, was einen am meisten berührt und dies in Gedanken weiterspinnen. „360“ liefert eher Anregungen und kleine Einblicke, weiterdenken muss man sie wohl selbst.

Kinostart: 16. August 2012

3.5 Sterne

Trailer:

Copyright Poster + Trailer: Prokino Filmverleih

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Eine Antwort zu Film | 360 (Kritik + Trailer)

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